beschreibung einer verquasten gemengelage am tagesbeginn

ich moechte das wort verquast benutzen, um die (ich moechte das wort benutzen) gemengelage aus einer art gefuehl + rest-willen + weiterer merkwuerdiger, niedrig-triebiger ambitionen, mit der dieser tag begonnen werden wollte, zu beschreiben: die verquaste gefuehls-rest-willen-etc-gemengelage à la versuch, aus einer flasche (zum beispiel bischoff export), die eindeutig leer ist, sich doch noch ein glas voll (zum beispiel 0,4 l) einzuschenken. ok, kann ich so stehen lassen. inspiration gefangen, der tag ein erfolg schon von vornhereinden kubikdezimeter luft getroffen.


Forderungen, salzig

Die See forderte es. Die See machte Salzdurst. Die See hieß die Lippen lecken wollen. Die See rauschte Körpersäfte in Wellen. Die See machte Fischhunger, und die Harpunen schussbereit. Die See schonte nachts nicht die Strandkörbe und Dünengräser, und auch nicht unser Schlafenmüssen.

Die See rollte Kiesel glatt und spülte Algen, und wir waren nackt. Die See machte Geräusche, wir wollten auch. Die See sprach kosmisch, nachts, noch immer warm, und wir lagen verschmolzen. Die See schäumte uns vor, wir taten ihr nach. Die See spülte Hölzer an, und auch wir sprachen nichts. Die See war der Anfang, und wir wussten um das Ende. Die See rief: Flut!, und wir erklommen den Gipfel. Die See orderte Ebbe, wir tranken Espresso danach. Die See rückte Stühle, ich surfte in deinem Haar. Die See packte Koffer, während du Sterne schlucktest. Die See hatte einen Termin am Bahnsteig, und ich ging barfuß in deinem weichen Sand. Die See stieg in den Zug, während ich Tanker mit Segeln schmückte. Kein Taschentuch hatte die See bei sich, als du die Flossen anzogst und mit kräftigen Stößen davonschwammst. Die See winkte nass, dein Pfiff hallte nach.

Die See schaut meiner Brandung zu, und ich lecke Salz am Tisch.


die arroganz des unbekannten schenkeres

also gut, machen wir’s kurz, will mich nicht zu lange damit beschaeftigen, die sache abhaken, aus meinem leben bringen, aus der welt schaffen, obschon manches behauptet: scripta manent, was allerdings noch nie jemand wirklich beweisen konnte, schon allein, weil bei der verwendung dieses zitats sich meist ueber die dauer des manent ausgeschwiegen wird bzw. ueber die vorstellung einer dauer: sonne weg, alles weg, auch alle scriptas. nix manent. – nach einer neuronal-onanistischen weile, so meine sueße, aufs warten spezialisierte uebung (notgedrungen kraft erfahrung [naja, + meditation + einflussnahme eines gewissen restwillens]), wird die erinnerung an das autobiografische (in dem fall: siehe unten) verblasst sein und es bleibt ein text, ein gebilde, ein machwerk, das, urspruenglich ein zeckensaugen an einem alltagsmoment, somit verklaert, missbraucht zu schrift keine gliedmaßen mehr aufweist. mehr ist es nicht. man koennte es auch bleiben lassen, stuende dem nicht eine elende, luxurioese langeweile, gepaart mit einem was-mach-ich-denn-heute-nur-wieder-fuer-unsinn, gegenueber.

ganz kurz? ich heute morgen aus wohnung raus mehrfamilienhaus, haengt da dieser kleine plastiksack voll gebaeck am außenknauf der tuer. es ist der nikolaustag, dieses jahr uebrigens minusgradig, vereist, neblig, sonnenlos. somit also erste verbindung von mir zu gebaeck: aha!, nikolaus, da schenkt dir jemand was, freude angesichts der moeglicherweise selbstgebackenen herrlichkeit im durchsichtigen knisterpapier, versehen mit einer roten schleife. so kindlich die erste, umso existenzerhaltend (nachtraegliche bewertung) bedeutender die zweite klappe (klapp auf holz): kein absenderes. die oberstuebchenhafte (diesen ausdruck habe ich schon lange nicht mehr verwendet, fand ihn hier jedoch mal wieder passend an der zeit) rasterfahndung setzt ein: von x? von y? von a? von d aus der heerschaar der ds? wozu? schnell die entscheidung: zurueck in die wohnung, beutel in den muell. da koennt ja jedes. wer weiß, was wer warum. und wenn selbst gebacken, waren die haende gewaschen in unschuld? was tummelt sich in der masse kredenzt zu konsumieren arglos? falls nicht selbstgebacken: wo gekauft? es fehlt nicht nur ein beipackzettel, sondern auch ein mindesthaltbarkeitsdatum.

angesichts des termins, der mich zum verlassen meiner wohnung zwingt, stelle ich die tiefer greifende analyse der angelegenheit gebaecksack zurueck. zwei stunden bruttoaufwand @ arztbesuch, unter menschi in einem verhusteten, ueberheizten wartezimmer, guten tag und auf wiedersehen, verbunden mit der erwartungshaltung, dieses auch gefeedbackt zu bekommen, dieses jedoch nicht zu entgegnen, fordert ein betraechtliches maß an energie. wieso auf wiedersehen beim arzt, frage ich mich immer wieder, wenn. wer sonst nix hat. die faeden gezogen, zurueck ins reich.

perversion, mordanschlag oder arroganz? wer wollte mich ermorden? wir schließen das heute aus. ich bin zu unbedeutend und niemand profitierte wirklich von meinem eingehen in die verwandlung. perversion? evtl. subversiv, kann ich nicht wissen, will es auch nicht vertiefen, zumindest oeffentlich nicht, sonst wird’s faekal (wer hat da eben au ja! geschrien?); vielleicht zum spaß abends mit trulla, die darueber lachen wird, doch ein ungeeichtes leseres nicht (zumindest mal nicht das nicht-bukowski-und-nicht-céline-leseres oder sonstwie gezeichnete, verhaermte nicht). ich lege mich fest auf die gewollte deutung: arroganz, weil sie das gute nicht gaenzlich ausschließt: ich nehme also an, jemand hat in guter absicht gebacken und verteilt (evtl. gekauft und verteilt), moeglicherweise nicht nur an mich. aber dann!

– vorgeschaltet noch das eine: es wurde schlichtweg vergessen, den absendezettel anzuhaengen hahaha!, oder er fiel vom sack ab und harrt unter der fußmatte des befreienden gefundenwerdens (ich schaue nach: unter der matte ist nichts). ok, man kann ja auch mal einen zettel vergessen. vielleicht war es das. –

unterstellt, es wurde vorsaetzlich kein zettel attachiert: arroganz weil: das schenkeres davon ausgeht, man muesse wissen ahnen riechen spaetestens schmecken, von wem die sendung ist. ego-verblendung. wer haelt sich fuer so wichtig, dass er sie es denkt, ich muesse wissen … oder doch nur irrsinn? weil das schenkeres auf einer selbstgefaelligen schenkungswolke durch seine backkueche schwebt, sich vorstellt, wie der beschenkte (ich in dem fall) schmatzt und froh ist, nicht wissend, von wem die nikolausige gabe?

es klingelt und ich unterbreche mein tippen. die nachbarin steht vor der tuer.
«sorry. wurde bei ihnen heute morgen gebaeck angeliefert?»
«aehm, nein.»
«verdammt. meine mama hat mir gerade eben telefonisch hoch heilig versichert, sie habe mir heute morgen gebaeck an meine tuer gehaengt. ich hatte schon die vermutung, sie habe sich in der tuer geirrt.»
«tut mir leid. weiß nix.»
«kein problem. schoenen tag dann auch noch.»


tod auf dem flokati

susanna keyser, genannt sissi, am achtundzwanzigsten elften zweitausendsechzehn etwa um acht uhr morgens aufwachend zwischen stefan und staffan (beide noch schlafend in ihrer bloßheit [wir sehen nichts, da ordentlich zugedeckt]) – ja, zwischen,

weil sie sich nicht entscheiden kann:
also duerfen beide ran
–,

triebig zu stehen auf nackt zu fahren hoch den laptop zu schauen nach der zahlung aus provision, sollte heute gebucht sein; muss einkaufen. computer einschalten, ins bad, klo, waage: sechzig kilo (ok); ein blick in den rundspiegel auf augenhoehe an der wand, klassisch ueber dem lavabo: «bin ich’s noch?», ein beidhaendig-synchrones wischen von innen nach außen unter den bruesten durch die bauch-kontakt-falte: kein schweiß mehr.

artfremd zeichnen wir mal was: sissi, mitte fuenfzig, einsachtzig hoch, gewicht siehe oben, schlank bis zur nahezu po-losigkeit, kurzes, schwarz gefaerbtes haar, duennes gesicht, langer kopf, nasenzinken groß ueber der norm, extravagant gebogen, eingefallene wangen, falten, die haut braun von den urlauben in der tropensonne, in anzug und krawatte geht sie anstandslos als mann durch. verdient ihr geld mit dem vertrieb von anteilsscheinen am glueck, auf provisionsbasis, fuer die feliz navi s. a. r. l.

wenn ihr bis hierhin gelesen habt, weil ihr wissen wollt, wer sissi ist und wie es mit ihr weitergeht, solltest ihr euch niemals im leben ein buch von mir kaufen. hm, halt, stop – oder vielleicht gerade deswegen … weswegen? wegen der abbildung der wirklichkeit, von der man auch nie weiß, was sie von der großen glocke umhaengt an die kleine glocke (bimmelimmelimm)? thomas, nun muss ich doch mal mit dir ins gericht gehen, und zwar hart wie morgenlatte morgens um fuenf: was ist das fuer ein bewertungsrueckfall? das leseres kann selbst entscheiden, was es lesen will und was nicht. oh, stimmt, verdammt. naja, wer ist schon immer hundert prozent bewusst. tut mir leid. schon ok. mach einfach weiter und lass die dummen kommentare und bewertungen, weißt du doch eigentlich besser.

gut. ich mach weiter: sissi ist siehe oben ploetzlich und unerwartet vor ihrem morgenspiegel gestorben, und wir werden nie wieder was von ihr hoeren lesen, werden nie erfahren, wer stefan und staffan sind und wie sie mit sissis tod umgingen umgegangen sein werden, nachdem sie sie auf dem flokati im bad fanden gefunden haben hatten. was haette ich aus der feliz navi s. a. r. l. gemacht? andere treten derlei themen auf tausend seiten platt aus breit – nun ja, es gibt genug feliz navi gesellschaften auf der welt … anteilsscheine am glueck … – selber denken macht schlau.

feliz navi geht bei im unter auf schnee und -fall die glanstraße von kusel entlang, die rottweilerin sissi an seiner seite (rechts, der der straße abgewandten seite, in dem fall), deren (sissis) lefzengetriefe deutliche loecher in der weißen kaelte hinterlaesst. feliz navi hat vor seiner namensaenderung von christian mueller in feliz navi nicht im internet gesuchmaschint, ob es bereits jemanden gibt, der feliz navi heißt. ebensowenig hat der verfasser dieser hiermit online gestellten abstrusitaet gesuchmaschint, wie viele christian muellers es wohl gibt, die ihren namen von christian mueller in feliz navi aenderten geaendert haben vorhaben zu aendern. verklagungen wird entgegengesehen, weil ja heute jeder jeden jede jede jedes jedes wegen jedes … jedem … jeder … (bitte selber eintragen) … woher ruehrt diese verklagungsgeilheit? koennen die (ver)klaegeri nicht ihr geld anderweitig verdienen? liebe richteri, bitte bleibt bei der stange (siehe oben: morgenlatte), und geht nicht jedem honig aufs maulumschmierte eis, auch nicht im winter. sonst sag ich’s dem justizminister – lol.

nachdem sissi ausgelaufen und feliz rotnasig, kehren sie in ihre wohnung zurueck (einliegerwohnung im einfamilienhaus eines unternehmerehepaares [kinderlos]), heim, heimelig warm, feliz steckt den stecker des lichterbaumes in die steckdose, sissi kuschelt sich in ihr koerbchen vor dem sofa, knabbert ihren knochen, feliz stellt ihr das tv an und sich eine buchstabensuppe auf.


Die Stimme des Schicksals

«Ich bin die Stimme des Schicksals. Du Kröte freust dich? So richtig absichtslos? Wer sagt uns denn, dass deine Absichtslosigkeit nicht Absicht ist?»
«Servus Schicksal …»
«Halt! Ich bin die Stimme des Schicksals, nicht das Schicksal selbst …»
«Ach so, ok. Ich bedaure den Fauxpas … also nochmal: Servus Stimme des Schicksals. Wenn wir jetzt hier so anfangen, na dann brauchte ja niemand nix mehr zu äußern.»
«Korrekt. Ich will dir nur deine Illusion Freude nehmen.»
«Ah, cool. Und jetzt?»
«Es gibt keine in einem Forum gepostete absichtslose Freude. Wer postet, will damit etwas bezwecken. Du könntest es ja auch bleiben lassen, zuhause sitzen und dich freuen und zum Fenster raus gucken und gut ist.»
«Hm. Will man aber Freude nicht auch teilen? Also ich?»
«Du willst auf dich aufmerksam machen, und das ist eine Ego-Verwerflichkeit. Du willst, dass alle sagen: Guck mal, was der für geile Texte schreibt. Du willst, dass deine Bücher überdurchschnittliche Auflagen erzielen und dich zum Schotter führen.»
«Hm. Will ich das? Du willst mir meine Freude nehmen.»
«Lass uns uns gegenseitig Vorwürfe Verwerfungen an den Kopf werfen, wie bei einem alten Ehepaar.» Die Stimme des Schicksals lacht politisch.
«Auch gut. Lass uns uns Vorwürfe vorwerfen. Wie lange sind wir schon verheiratet?»
«Juwelenhochzeit.»
«Passt. Also dann sag ich dir jetzt mal was: ich bin es leid, immer dann, wenn ich mich mal wirklich freue, nach all den Jahren immer und immer wieder und immer noch, deine dämliche Stimme zu hören, die mir ein schlechtes Gewissen einreden will, wo ich doch gar kein Gewissen habe, also, inzwischen nicht mehr, denke ich. Außerdem muss ich erstmal noch schnell einkaufen, Bier, Wein, damit ich das hier durchstehe, hab nix mehr da.»
«Du bist absolut nicht kritikfähig, hast eine niedrige Frustrationstoleranz und deine Ausflüchte sind lächerlich. Bleib am Rohr und steh deinen Mann, auch ohne Suff.»



«Hallo?»



«Bin wieder da. Prost.» Trinkt ein Bier (Eichbaum Ureich Premium Pils, war im Angebot).
«Wo waren wir stehengeblieben?»
« Du wolltest mir gerade meine Freude kaputtmachen.»
«Ah, ja, genau. Äh, also bei mir ist im Moment etwas die Luft raus, ich glaube, ich habe schon alles gesagt. Du bist ein egoistischer Interessenverfolger deiner Interessen, deine Freude kannst du dir in die Haare schmieren.»
«Willst du die Scheidung?»
«Was soll das jetzt? Wir sind doch Juwelen!»
«Soll ich mich beim Schicksal über dich beschweren?»
«Das machst du nicht.» Ein Zittern in der Stimme, wahlweise Beben.
«Immerhin bist du nur die Stimme des, nicht das Schicksal selbst. Ich werde eine neue Sprecherin beantragen, die demokratisch zu wählen wäre im Namen der Freude.»
«Das kriegst du nicht durch. Die ganzen Parteien …»
«… und es ist nur in meinem Kopf HAHA … kennste?»
«Also, du versuchst, mich hier fertig zu machen. Hört jemand zu?»
«Jo, ich poste das überall. Wirst schon sehen.»
«Ich bin unter Termindruck, muss andere Freuden zerstören, im Namen des Schicksals, ich bin dann mal weg. Aber sag’s nicht dem Schicksal, dass ich bei dir nicht … Könnten wir uns darauf einigen?»
«Nein. Scheidung.»

(Die Stimme des Schicksals off)


trautes nerven

auch haette ich keine schwierigkeiten damit, das geld so zu nehmen, ohne gegenleistung. wo steht geschrieben, dass man immer erstmal, bevor man? in meinen schriften nicht. her mit den flocken! ich hab’s noetig!

wir sehen traute die verregnete straße entlang gehen unterwegs zu ihrem putztermin. das nasse haar steht ihr wie nach einem stromschlag in alle richtungen vom kopf ab. doch halt! schauen wir naeher hin: es sind gar nicht die haare, die wir sehen, es sind die nerven, die sich inzwischen, den zustand im inneren des kopfes der traute nicht mehr ertragend, sich ihren weg ins freie gegraben haben und nun antennengleich nach der letzten erloesung peilen.

waehrend des putzens traegt traute eine haube, um ihre nerven zu baendigen, und auch damit diese nicht unkontrolliert mit gegenstaendlichkeiten kollidieren oder aktiv sonstigen schabernack treiben. das ist nicht immer einfach, denn einzelne straenge sind widerspenstig und bohren sich loecher durch die haube, eisern gewillt, ins freie zu gelangen. so haette traute erst kuerzlich beinahe das zeitliche gesegnet, als zwei nervenstraenge, vermutlich anfuehrer, traute um eine steckdose herum wandfliesen mit multifettloeser polierend, sich – einer links, einer rechts – in die dose vorfuehlten, geradezu geil auf neue reize, entdeckungen, kitzel. rums! erleuchtung ist dreck gegen diesen schlag, erzaehlt traute noch heute jedem, der es nicht wissen will. nur gut, dass die beiden ausreißer sich damals in tausendstelsekundenbruchteilen zurueckgezogen hatten, ja, dumm waren sie wohl nicht, ihre nerven.

nach dieser unfreiwilligen elektroschocktherapie verfuegte traute mehrere wochen lang ueber geradezu uebermenschliche kraefte, konnte zwoelf stunden am tag und mehr raeume wischen, waesche buegeln, einkaeufe einkaufen, boeden saugen, ohne auch nur eine einzige pause einzulegen. dann ließ die stromwirkung nach.

wir sind wieder in der praesenz. traute sitzt an ihrem kuechentisch, links die rot strahlende infrarot-lampe gegen die chronische ohr-maladie, in front die weiß-tageslichtige tageslichtlampe gegen die novembermuedigkeit, rechts ihre freundin hella, beide trinken bockbier. traute sieht gespenstisch aus, so beleuchtet, die nerven in die luft.

«du siehst gespenstisch aus», konstatiert hella.
«mhm», murmelt traute. «prost.»
sie stoßen, flaschentrinkerinnen, beide, grenzwertig feste richtung glasbruch an.
«meinst du nicht, du solltest sehen, dass du deine nerven wieder in den kopf bekommst?»
«schon. nur … denen gefaellt es da drin wohl nicht mehr.» tippt sich an die stirn. «was ich verstehen kann.»
«auf die dauer ist das bestimmt nicht gut, wenn man seine nerven auswaerts traegt.»
«was noch zu sehen sein wird.»
«nicht mal ins bett koennen wir mehr miteinander, weil deine beiden oberhaeuptlinge stets versuchen, in meine nasenloecher vorzudringen. oder in die ohren. diese deppen.»
«es wird eben alles immer schlimmer. man muss zufrieden sein mit dem, was einem jeweils nach einem weiteren abgelaufenen tag richtung tod ueberhaupt noch bleibt.»
«naja, aber ueberlegen, ob man nicht doch was gegen machen kann, kann man doch, oder nicht?»
«vielleicht zum friseur gehen?»
«der guckt drauf und sieht gleich, was sache ist. geht nicht. es sei denn, du gehst zum blinden friseur.»
«aaah, der blinde friseur! den hatte ich schon ganz vergessen.»
«nach dann mach mal termin.»

traute vereinbart einen termin beim blinden friseur und sitzt drei tage spaeter in dessen stube auf dem operativen stuhl.
«guten tag, ich bin der blinde friseur, was kann ich fuer sie tun?»
«ich weiß, dass sie der blinde friseur sind, deswegen hatte ich ja den termin mit ihnen vereinbart.»
«soso. und was haben sie zu verbergen?»
«wiesooo?»
«na, alle menschen, die zu mir kommen, haben etwas zu verbergen, sonst wuerden sie zum sehenden friseur gehen, gleich um die ecke.»
«oh. aeh, nichts. also, ich war das letzte mal zufrieden mit ihnen und deswegen komme ich heute wieder her.»
«sagen sie alle, jaja. naja, wir werden sehen.» kichert irre. «doch zunaechst die statistik.» schaltet ein diktafon ein.
«quoi?»
«fuenf fragen, ob ich sie ueberhaupt behandeln kann. das ist bei mir ueblich. einverstanden?»
«na denn.»
«moegen sie rucola?»
«nein.»
«machen sie liebe mit maennern?»
«nein.»
«trinken sie gerne rote-bete-saft?»
«niemals!»
«weist ihr girokonto einen stand von zehntausend plus auf aus rein raus?»
«noch nie.»
«baden sie in eukalyptus-essenz?»
«nee, bin doch nicht pervers. außerdem wasche ich mich selten, und dann nur am hahn.»
«tut mir leid, ich kann sie nicht behandeln.»
«wieso das denn jetzt?»
«also wenn nicht wenigstens eine positive antwort dabei ist, kann ich sie nicht behandeln.»
«verdammt.»
«moegen sie nicht vielleicht doch ab und an rucola?»
«also wenn ich es mir genau ueberlege …» die nervenstraenge an trautes haupt wackeln wie die tentakel eines sich in hoechster erregung befindenden tintenfischs. «doch, schon, ja. eigentlich ja.»
der blinde friseur lacht schallend: «nein, sie moegen keinen rucola! sie sind nur korrupt! wir alle sind korrupt, wenn wir etwas unbedingt wollen! und sie, sie wollen nur, dass ich ihnen ihre nerven abschneide, machen wir uns nichts vor!»
«woher …»
«ich kann sie riechen.»
«aeh, wen jetzt?»
«na ihre nerven. die riechen so bio-chemisch-elektrisch. und außerdem surren sie. das kann ich hoeren. so surren nur nerven.»
«ok, gewonnen. und jetzt?»
«vielleicht versuchen sie es mal beim sehenden friseur. der riecht und hoert schlecht, und wenn sie glueck haben, haelt er evtl. ihre nerven fuer haare.»
«sie frustrieren mich. ist das alles nervenaufreibend.» die nerven tanzen unkoordiniert neurotisch zuckend.
«wenn sie dann bitte vom stuhl steigen und mein etablissement verlassen wuerden. an betruegern habe ich kein interesse.»
«ich danke.»
«gerne. auf wiederriechen.»
«ja sie mich auch.»

traute traut sich nicht unmittelbar zum sehenden friseur; erstmal ein bockbier in trudis trinkstube. zwei. drei. gespraeche am tresen, mit trudi, mit gaesten. was mit ihren nerven sei. hin her, kein ergebnis. es ist inzwischen nach zwanzig uhr und die buergersteige klappen sich hoch und quetschen das nasse herbstlaub ein. das laternenlicht der straße leuchtet hellgruen, eine machenschaft des amtierenden buergermeisters, der sich ein denkmal der andersartigkeit setzen wollte, statt es einfach bleiben zu lassen. die kommunalpolitiker stimmten seinerzeit geschlossen zu, sie wollten auch mal auf einem stueck lorbeer rumkauen.

waehrend die tresenbelegschaft lacht und scherze, spielchen mit trautes nerven treibt, diese beruehrt, streichelt, anschnipst, kronenkorken auf sie wirft, bier auf sie prustet, und die nerven freudig mitspielen, nach den gaesten greifen, kronenkorken zurueckkatapultieren, das bier dankend aufsaugen, teilweise zurueckspucken, oeffnet sich langsam, knarrend die stubentuer. das arglose spiel verstummt, trautes nerven drehen sich synchron richtung tuer, nehmen die witterung auf, ahnen schlimmes, tuscheln, zittern. klobige springerstiefel tragen einen hutlosen, glatzkoepfigen, unbaertigen mann mit dicken brillenglaesern und langem, schwarzem mantel, den kragen hochgeklappt, in den raum. wie in zeitlupe schreitet er schuhwerkknarrend, nasse abdruecke auf den holzbohlen hinterlassend (alternativ: nasse abdruecke beerben das holz), auf den tresen zu, es ist mucksmaeuschenstill (alternativ: man kann den heuhaufen zwischen den stecknadeln riechen). der mann quetscht und setzt sich neben traute, ordert bei trudi: «einen rucolasalat und einen eukalyptustee, bitte.» trudi nickt und macht sich an die ausfuehrung der bestellung, fragt auf dem weg in die kueche: «kein rote-bete-schnaps dazu?» der mann sagt nein, indem er schweigt.

traute: «ha!»
der mann: «genau.»
traute: «das ist ja mal ein zufall.»
der mann: «kein zufall. sie wissen es. ich kann es nicht riechen und hoeren, ihr problem, doch ich sehe, was zu tun ist. der blinde friseur hat mich instruiert.»
traute: «wie kommuniziert ihr zwei huebschen denn?»
der mann: «das geht sie nichts an. allein, ich werde ihr problem loesen. lassen sie mich nur erstmal meine speisen verleiben ein in diesen meinen korpus hundert kilo schwer doch leicht wie die feder im auftrag des schicksals.»

es gehen die gaeste und es tischt auf die trudi, sperrt ab die tuer der stube, und die traute hat ein gefuehl von vertrautheit, als kennte sie den mann schon lange. nach der verspeisung des mannes trinken der mann und traute ein paar glaeser rote-bete-schnaps, mit jedem glas zittern die nerven baenger, sie ahnen es, wittern das metall in der manteltasche des sehenden friseurs.

dann, es mag nach zweiundzwanzig uhr sein, zueckt der mann die große schere, und die nerven ziehen sich zurueck in trautes kopf.


herbstgedicht

in einem herbstgedicht sollte das wort herbst vorkommen. somit abhaken. es ist 2016 und der herbst verlangt von mir: «schreib mich in ein gedicht!» ich erschrecke ob seiner stillen stimmgewalt, antworte nicht gleich, wie ich ueberhaupt auf affektive attacken gegen mich nie mehr nicht gleich antworte. erstmal den raum verlassen, durchatmen, nachdenken, den see wieder glatt werden lassen.

lieber herbst, bei mir ist das so: ich habe eigentlich inzwischen gar keinen großartigen trieb mehr, ueberhaupt ueber etwas zu schreiben. das schreiben haelt mich vom unmittelbaren erleben ab. außerdem sind meine gedanken und assoziationen zu schnell fuer die schrift; maximal 5 % der entsprechenden gemengelage lassen sich einfangen mit dem lahmen fingerfilter. der rest verpufft eh. warum also nicht alles gleich einfach verpuffen lassen, was vermeintlich nach festgehaltenwerden schreit? ja, da guckst du. da kannst du mir deine lichtlosigkeit, deine ahornblaetter bunt, deine melatonin-verschlafene novembermorgenhaftigkeit, deine schrumpfende liebe in den sinkenden temperaturen, deine intellektuellen argumente wie rilke hoelderlin heine bachmann, dein beschraenktes repertoir genannt melancholie sehnsucht regennasse straßen oranges laternenlicht buch-vor-kamin-in-fußwaermern noch so um die ohren schlagen. lass es doch einfach. ich bin immun.

nein. dieses jahr schreibe ich dir nichts. zisch ab!

 


 

ach so, ja, ob ich den text hier noch justify aligne, sehen wir mal noch. in der hinsicht ist wordpress echt lahm und umstaendlich …