Freifliegende Hühner

Sündhaft geschlemmt will heute werden, aber so richtig, dass der Pans platz, die Haut Geburtswehenrisse bekommt, die Purine die Nieren sprengen und meine Großzehengrundgelenke schmerzhaft knüppeldickerot werden. Handke ein honigbieniger Wabenwattebausch, stechend, manchmal, ohne Todesfolge. Die Geschäfte sind mit sich selbst beschäftigt. Ich habe mir pflichtfrei genommen, anrufen zwecklos, alles aus. Alles? In dem Maße, wie Balzac kein DF Wallace war, feiere ich heute mit meiner Freundin Haubenmeise (die mit der Sturmfrisur) analog am Strand, an meinem Strand, auf dem Balkon, neben dem Vögelhaus. Am helllichten Tag berauscht einen Krimi gucken mit … wer ist das? Peri Baumeister? (Hat aber jetzt nix mit den Purinen zu tun, wollte erst Puri schreiben – haha!) Auch in meinem hohen Mittelalter (hm, oder doch besser: frühe Posthistorie des Eigenen?) zwischen Ichweißnichtwassolltealldasbisdatobedeuten und Keineahnungwaskommtvielleichtfallichjaindersekundetotum immer wieder und ein Segen überrascht, was die Natur so an Schönem hervorbringt (=> nämlich eben Peri Baumeister). Natürlich sofort einbahnstraßig distanzverliebt, das erzähle ich niemandem, nicht Hugbald, nicht meiner Frau, und schreiben werde ich schon gar nicht darüber. Hoffentlich kommt es nie zur Begegnung, der ernüchternden. Alter Tunichtgut meets Filmschönheit und brabbelt rum – uah. Film Ende, es ging gut aus. Die Bösen wurden verhaftet.

Meine Freundin Haubenmeise, den Sonnenblumenkern im Schnabel, schaut mich an, als wollte sie fragen: Was ist es? Was ist es mit dir? Und ich schaue ihr tief in die Augen, ich schaue in dem Moment Gott in die Augen, ich schaue durch meine Freundin Haubenmeise hinter die Universen, und stelle mir vor, wie ich mit ihr reden kann und zu ihr sage: «Stell mir meine Triebe ab, und ich schneide dir täglich deinen Bonsai. Gib mir deine Liebe, und ich lese dir jeden Abend Gedichte (ersatzweise: Märchen) vor – vorzugsweise welche von Buk. Gib mir deinen gefüllten Kühlschrank, und ich pump dir den Stoff, aus dem deine innigsten Verzehrträume sind, in die Rübe. Halt mir in Treue die Stange, und ich werde dir auf ewig dein mentales Bedarfsloch füllen. Halt mich dünn, und ich mach dich dick. Gib mir das ewige Leben, und ich töte dich.» Was Wunder, dass meine Freundin Haubenmeise nach dieser Ansprache, die sichere Beute Sonnenblumenkern im Schnabel, das Weite in den gegenüber meines Balkons sich wiegenden Bäumen sucht.

Das sündhafte Schlemmen blieb bis jetzt aus (wir sind hier in einer kurzfristigen daytimeline), die Buchstaben nehmen mich in Geiselhaft. Einmal an den Tasten, die die Welt bedeuten (meine), enthungert sich der Hunger wundersam. Nicht Brot statt Böller, eher schreiben statt schlemmen. Jaja, weiß schon, sag das mal einem, das weder Laptop noch Nahrung noch Feuerwasser noch eine Flat ohne Downloadvolumenbegrenzung hat, schon klar. Ich bin mir meines so problemlos wie unterstellt arglos gutbürgerlich gezeugten, bundesrepublikanischen Luxuslebens bewusst und werde damit nicht Aktien oder sonstige Seifenblasen hochtreiben, ich nehme mir allein diesen halben Tag, diese drei Stunden für mich, und morgen nähre fülle versorge bediene ich wieder die Kassen der Deutschen Rentenversicherung Bund (nicht: 1 für den Schuhputzer, sondern 2 für das Umlageverfahren), meiner Gesundheitskasse, des Finanzministeriums (Straßen verlangen nach lückenloser Aufklärung, äh, Teerung – [nicht Federung {wobei, haha, wer dachte bei Teeren und Federn schon an die Stoßdämpfer eines SUV-Diesels Baujahr 2018, welchen Fabrikats auch immer?}] – [wer überhaupt noch Auto fährt]), meine Kasse, deine Kasse, ich kassiere die Kasserolle meines Großonkels Wilhelm und versperrmülle sie, kaufe ihm eine neue bei Lidl im Angebot ab Donnerstag, ich kastriere die Cassata von Fenomenia, indem ich, mit einem Strohhalm saugend, die Früchte endoskopisch entferne, auf dass wir an Ostern alle bunte, überdurchschnittlich große Eier von am Boden lebenden und legenden¹, fröhlich-freilaufenden Hühnern bekommen (was hat man ihnen gegeben?).

Natürlich werde ich nie mit Peri Baumeister fröhlich gelegte Ostereier einsammeln, und ich werde Handke auch nie einen Bienenstich mit Fenistil einreiben (fehlte ja gerade noch), geschweige denn ihm einen Kuchen gleichen Namens zum Kaffee kredenzen, da zu weit weg. Ich werde auch nicht den Osterhasen oder die -häsin fragen wollen, warum er sie nicht in der Lage ist, die angeregt-vermeintlich luftgelegten Eier der noch zu nominierenden (Casting-Show?) fröhlichen Hühner (die dann freifliegend und nicht -laufend sein müssten, dies schon Hürde genug) mittels Kescher vom Roggen-, – verplappert –, von einem Mais- oder Kleefeld aus zu catchen, durchschnittliche Wiese täte es ja auch, also mit einem Kescher catchen, was nicht Ham on Rye ist, sozusagen, nicht zu verwechseln mit dem Welthit von Tom Petty – Free Falling, weil wir hier gerade auf den freien, aufsteigenden Eierflug fröhlicher Hühner aus sind, wobei, was sonst, die Eier der fröhlichen Hühner, sofern diese entsprechend hoch fliegen könnten, free falling nutzlos und unkonsumiert (Endverbrauchszweck) auf die Erde klatschen könnten (welch Verlust für die Pfanne, die bereits brennend über Gasflammen eines Inputs harrt), sofern nicht ein kompetenter Osterhase oder -häsin sie von einem X-feld aus keschern würde, oder gar ein Mensches, aber welches Mensches ist im digitalen Zeitalter schon in der Lage, einen Kescher analog zielgenau zu schwingen, um Eier, große Eier, fröhliche Eier, möglicherweise bunt, von freifliegenden Hühnern, die vom Himmel fallen (also die Eier, nicht die Hühner), zu erbeuten. Vielleicht Marija Scharapova. Man sollte sie mal um Rat fragen.

Ihr wollt einen Schlusssatz, so richtig mega-weltliterarisch? Ok, von mir aus.

Nachdem der Mann seinen Tagebucheintrag beendet hatte, ging er in die Küche und kochte sich etwas zu essen.

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1. Schoma eines über Luftlegung nachgedacht? Marktlücke! Alleinstellungsmerkmal! … aber wer fängt sie auf, die luftgelegten Eier … gäbe wieder neue Jobs, für die Fängeri, die Fängeri im … nein ich sag’s jetzt nicht, sonst verklagen mich Salingers Erbi. Sagen wir einfach: Im fruchtstaudigen X-feld stand eine junge, hübsche Frau mit langem, blondem Haar, so bloß, wie sie durch die Augen der Haubenmeise hinter dem Universum geschaffen ward, und fing luftgelegte Eier, um sie später mit Speck zu braten. Vielleicht machte sie auch Pfannkuchen damit. Vielleicht war es auch keine Frau, sondern ein junger, hübscher Mann mit kurzem, goldenem Haar, vielleicht war es auch eine alte, hübsche Frau mit Glatze, ein alter, knochiger Greis mit Silberlocken, hundertundeinsjährig, vielleicht war auch niemand beizeiten zur Stelle, um die Eier zu fangen.

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An den Januar

In meinem Empfinden ist mir der frühe Januar stets willkommenes Niemandsland. Da ich ja – ein Segen auf all meinen Wegen – kein Schriftsteller, sondern Business-Man bin, steht er mir heute sowas von, ich meine, steht mir dieser erste Satz gut wie Stock und Hut, liegt mir im Blut wie den meisten fremdbestimmt Arbeitenden um diese Zeit der Erkältungen und sonstigen Infekte, auch geistiger Arten (=> Vorsätze), behaupte ich, heute, mich im Niemandsland zwischen den autonomen Regionen Pflichten, Ausspannen, vermessener Kalender suhlend.

Auch ich, kein Christ wie auch sonst kein Vereinsmeier, dafür religiös wie die Kakerlake, die Ratte, die Sternschnuppe, habe einen lichterleuchtenden, plastikenen Baum in meiner Küche auf dem Tisch stehen; doch heißt er bei mir nicht Weihnachts-, sondern Lichterbaum (und nicht nur das, er hat auch einen Namen: Fred [und stammt aus dem Lande Liliput {nicht: die Eisenbahn; ich bitte von Urheberrechtsklagen abzusehen}: er misst nur 43 cm in der Höhe]). Diese Idee, also die, um diese Zeit einen leuchtenden Baum anzuglotzen und sich daran zu erfreuen, habe ich bei den Christen geklaut, oder zumindest aus einer Kinderzeit kopiert (markieren, rechte Maustaste, kopieren, einfügen), als man noch oh (nach Gusto oder Quelle mit oder ohne h), du Fröhliche bei Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen (andere hatten Grünkohl mit Pinkel, weitere evtl. cholesterinsprengende Fett-Gänse oder -Enten) Geschenke aus Papier auspackte, auspapierte, so etwa sechzig Äonen vor dem digitalen Gutschein. Es gibt keinen Grund, im Dunkel des Zwischen-den-Jahren sich nicht selbst mindestens 1 Baum, behängt mit was auch immer, hinzustellen wo auch immer, wo es doch draußen so früh dunkelt und so spät hell wird, einfach, um sich an Lichtern zu erfreuen, auch wenn es sich nur um LEDs handelt, es gibt keinen Grund, dieses nicht zu tun, bloß weil man nicht in einem Verein ist, in dem dasselbe zelebriert wird. Und so brachte er, sie, es zweckgelöst Licht ins Dunkel.

Ich also, kein Schriftsteller, sondern Business-Man, weiß um die gesellschaftskonventionelle Bedrohung durch die zweite Januarwoche, des äußeren Schweinehundes, der einen fertigmachen wird, früher oder später, wenn Pillen und Therapien nichts mehr nützen, wenn man sich longitudinal, gezwungen zur aufrechten Aufrichtigkeit, endlich fragt, wer man eigentlich wirklich ist und was man wirklich möchten möchte in diesem kurzen Sterbe-Pups – jenseits der Gold-Nuggets (nicht: Chicken-, eher Clondyke), selbstredend, was sonst. Die Zahlen Daten Fakten Kontrollsysteme der Produktionsbetriebe laufen wieder an (ok, sie liefen nie niemals nicht: frag die Pharaonen mit ihren verkackten Pyramiden), das Niemandsland ist eben eine schmale Zone, weiß schon, brauchst mir nix erzählen, du, das du die bruttosozialproduktische Fahne deines Landes so hoch hältst, dass man dich am unteren Ende der Fahnenstange schon gar nicht mehr ausmachen kann, du kleiner Punkt du, du Wicht, du Zwergin, du Steineschlepper. Du machst was aus, millionenfach, doch es macht dir etwas aus, dass man dich nicht ausmachen kann, ausknipsen vielleicht, bei der nächsten Sanierung deiner Firma, die eine Firma sanieren wird, die auch saniert wird, sobald ein Sanierer auf die Idee kommt, die Sanierer zu sanieren (Ober-ROFL). Oh Niemandsland, du fröhliches, wärst du doch mein ewig leuchtender Fred!

Mein Niemandsland ist noch auf drei Tage vermessen. Dann werden sie wiederkommen (sie sind nie weggewesen, haben sich gut und teuer und mit allem, was recht[ens] ist, erholt): die Schakale, Hyänen, Geier, die Wolfsrudel, die Napoleon-Schweine, die Zahlen, die dir durch die blütenblätterlosen Nicht-Blumen der Boni mit dem Fleischwolf drohen – nix gegen Hack, bin kein Veganer – aber muss es denn immer Menschenfleisch sein?; Man-Power, die verwolft werden muss, damit das Fleisch den Schweinen schmeckt?

Oh du mein fröhliches Niemandsland, oh du mein leuchtender Liliput-Freund Fred am vierten Januar in meinem warmem Schloss Wohnung, die Klingel und die Telefone off – wie viele Flaschen Rosé, wie viele erkältete und durchgeschwitzte Bücher, Texte, wie viele bereits versetzte Vorsätze, wie viele verkochte Mahlzeiten Spaziergänge Kopulationen Hand-Jobs Gänge zur Bio-Tonne Mediatheken-Filme Arschabwischungen Zähneputzungen Tassen Tee Kaffee, Besuche bei Lieben oder Nicht-Lieben, Straßenkehrungen Schneeschippungen Wagenpflegungen Gedanken Empfindungen entspannte Aufwachungen am Morgen schwachsinnige Posts im Netz Vollbäder Zehnägelschneidungen bleiben uns noch? Die Tage sind gezählt, immer stundungslos gezählt, auch wenn niemand dir was zahlt, mach dir nix vor.


November 2017

Die Vögel

sind im Nebel eingefroren

Die Sonnenblumenkerne

vereinsamen

Das Bier

ist böse

Das Geschäftsjahr

lässt zu wünschen übrig

Die Kunden

wollen Dieses-Jahr-nicht-mehr

Weihnachten

ist bereits fressbar in den Regalen

Der Wohnung

bin ich gern beheizter Mieter

Die Ehe

zuckert hochzeitig

Die Straßen

salzen nach

Die Sonne

sonnt sich woanders

Der Verkehr der Geschlechter

stöhnt nach Wärmflaschen

Der November

lässt keinen Zweifel an sich

Der November

gewinnt immer

November

mir graut vor dir.


Das Wunder

Heute, mein Liebling, meine kleine, süße Fee mit den starken Füßen und den feinen Antennen, wird das Wunder geschehen, ich rieche es schon in der Schneeluft des dunklen Novembermorgens.

Wir werden überschaubar mehr als reichlich Geld haben auf Lebenszeit, unser Konto wird platzen vor Glück; werden benötigen neue Rufnummern, wegen der Haie, die uns ans Leder (resp. in den Ledergeldbeutel [ersatzweise: an den Frieden]) wollen. Das verlassen gelegene, und, ja, auch: verlassene (von allen guten Geistern) Hexenhaus bebt bereits vor Freude auf unser beider einzuziehendes Einmaleins in den Grundfesten. Wo liegt, steht es? Wird es haben einen Keller zu platzieren die Folterstreckbänke zu eliminieren verhackstücken entsorgen die diversen Sehnsüchte so unnötig wie fluchig? Es muss einen Keller haben!, was meinst Du? Es wird einen Keller haben. Es wird einen Keller haben müssen. Es wird auch einen Dachboden haben müssen, damit man sich selbst aufs Dach steigen kann, ohne Leitern anzulegen, die nicht tonal und auch nicht in den Himmel führen, sondern meist wackelig sind und kippen können zu brechen einem das Rückgrat oder sonstige Gräten unfischig.

Und 2 Stockwerke, Wohneinheiten: 1 for me 1 for u. Wegen der so sicher zu zementierenden Dauerhaftigkeit des Paarseins (nicht nötig, können eh nicht anders als so, wie wir können), damit 1 und 1 zum einen je 1 bleibt bei gleichzeitiger 2samkeit. Sie lebten unter einem Dach und doch auch wieder nicht. Sie begegneten sich zauberisch wenn gewünscht und auch wieder nicht, wenn nicht gewünscht. Sie waren jedes für sich und auch waren sie zusammen wie nie 2.

«Das Wunder sich schon gemeldet, das Du erschnüffelt geahnt gewittert?»

«Ist es je weggewesen?»

«So gesehen. Was fantasierst Du da nur wieder …»

«Gib mir doch bitte noch zwei, drei Haselnüsse, die tun meiner Verdauung so gut.»

«Darf ich mir morgen Deine Wurst ansehen?»

«Wären Würste Chrysanthemen, dann ja. Sind sie aber nicht. Deswegen zu intim. Peinlich. Also nein. Du hast zuviel Céline gelesen.»

«Noch keine eine Zeile.»

«Lass mich Deine Prosa sein, Lyrisches.»

«Du hast sie nicht mehr alle.»

«Muss daran liegen, dass mir meine Textverarbeitung eben unmotiviert von Book Antiqua auf Gentium Book Basic umgesprungen ist. Ich war’s nicht. Ich bin nie was. Es lebt uns.»

«Gähn. Erzähl mir nichts. Du bist an allem schuld.» Lacht.

«Gerne.» Räuspert sich. Tippt weiter.

«Erzähl mir ein Märchen … Das Märchen vom arroganten Großmaul und der …»

«… bourgeoisen Prinzessin auf den tausend Erbsen.»

Er erfindet erzählt das Märchen von der bourgeoisen Prinzessin auf den tausend Erbsen und dem arroganten Großmaul, unterbricht dafür sein Tippen.

«Warum schreibst Du nicht das mal auf? Schreibe auf, was Du mir erzählst. Mehr brauchst Du nicht zu schreiben.»

«So einfach ist das nicht. Wen interessiert schon unsere Harmonie auf den Kichererbsen?»

«Dann mach Backerbsen draus, vielleicht hilft es ja.»

«Mir ist nicht zu helfen, und dem, was ich schreibe, schon gar nicht.»

«Ja willst Du denn nicht?»

«Nein. Mein Gehirn muss alleine machen, ich darf da nicht eingreifen, eventuell ein wenig formal postfaktisch, aber sonst nicht. Sonst kommt es zu internalen Reaktanz-Reaktionen, die sich negativ auf meine Verdauung auswirken. Weißt Du doch, oh Du meine laktosefreie Sahne.»

«Depp.»

«Genau. Sag mir, was ich tun soll, und ich will es garantiert nicht tun. Sag mir, was ich nicht tun soll, und mein Gehirn will es sofort umsetzen. Wie ich daraus Kapital schlagen könnte, habe ich bis heute nicht erfasst.»

«Ja, ich weiß. DU DARFST DIE NÄCHSTEN DREI WOCHEN NICHT DIE WOHNUNG PUTZEN!»

Das arrogante Großmaul erhebt sich, greift sich den Staubsauger und rauscht durch die Wohnung.

«Wie das klappt!» Kichert kichererbsig. «Aber bitte bloß nicht die Fenster putzen, die sind gerade so schön neblig-klebrig!»

Das arrogante Großmaul wartet auf mit Lappen Wassereimer Spray und putzt binnen zwanzig Minuten alle Fenster der Wohnung.

«Ach, ich liebe Dich, mein Großmaul. Willst Du jetzt? Gerne würde ich Dich jetzt sattellos nach Laramy oder El Paso reiten.»

«Nein. Sex wird einfach überbewertet. Es geht doch nichts über Wohnungputzen, Märchenerfinden, Prosaschreiben.»

«Gut zu wissen. Wenn Du also morgen früh im nächsten wunderschwangeren Novembermorgen mit Deinem zum Bersten angefüllten Stachel danach trachtest, eine lüsterne Versenkung desselben in meinen Prinzessinnen-Körper zu vollführen, dann werde ich hauchen, schlaftrunken: Geh und putz das Bad. Oder?»

«… was ich garantiert dem Kaffeekochen nachstellen werde.»

«Hauptsache, Du stellst nicht mir weiter nach, wenn ich mondgefangen noch dämmern muss. Und nach meinen Kochplänen für heute Abend werden wir morgen früh eh Lauch und Knoblauch und Zwiebeln sein. Gestank pur.»

«Oh, Du meine lyrische mondgefangene Kichererbsen-Prinzessin.»

«Prosaisches Großmaul. Wolltest Du nicht noch die Vitrinen putzen, die beherbergen Deine tausend Bücher so unnötig wie die Wertstoffsäcke zu legen vor das Haus alle vierzehn Tage?»

«Ich wollte sie gerade abfackeln.»

23.59 Uhr. «Und wo war jetzt das Wunder heute?»

«Immer diese rhetorischen Fragen. Lass uns einfach weiterkichern, Erbse.»


also

irgendwann dann

vielleicht

eines Tages

wenn du durchhältst

oder dich treiben lässt

oder beides ruckeldiruck im Wechsel

kommst du da hin

wo du nie hin wolltest

macht es peng und sie rennen dir die Tür ein

und du wirst wünschen

nie gewünscht zu haben.

 

also


Später Taubenschwänzchenschnappschuss im Oktober 2017

Taubenschwänzchen huscht,

zuckelt Stoff aus Spätblüte;

muss noch weit fliegen.


Das literarische Mobile

Also mein literarisches Mobile gebastelt. Ausnahmsweise mal autobiografisch. Da hängen sie alle von der Decke, die mir auf so besondere wie unterschiedliche Art Wichtigen, Lebende und Tote gleichermaßen (ich rede mit jedem!), und drehen sich an 100-%-Polyester-Fäden (weiß) anmutig, still im Luftzug, schwarz-weiß ausgedruckt, zurechtgeschnitten, pärchenweise zusammengepappt, fadenscheinige Pärchen sozusagen. (Kein Lachen) Ja, es ist ein lustiges Wer-klebt-auf-wem, nicht immer absichtlich, eher zufällig, nach Bildgröße zugeordnet. Alleine, ich muss ja auch was zum Analysieren oder Künsteln haben, wenn an meinem literarischen Mobile Elfriede Jelinek und Honoré de Balzac (guckt ziemlich streng, vielleicht sogar böse, der Gute) aneinanderpappen.

Es begann (mal wieder) damit, dass ich beschloss, an diesem Tag meinen Brotjob nicht auszuüben und mich nicht mit aktiven Akquise-Telefonaten zu schwächen (Kennen Sie schon unseren neuen Zahn-Zusatz-Tarif?), keine Anrufe entgegenzunehmen (privat wie geschäftlich nicht, mittlerweile bin ich Folteropfer von vier Telefonen [4!], stationär wie mobil, analog wie smart), mich nicht mit Geschäfts-E-Mails zu befassen (allein dieses Wort schon: Geschäft!), die Haustürklingel zu ignorieren, auch nicht vom Balkon zu linsen, wer denn draußen unten im Hof Einlass begehrt. Ich hole mir eines Tages doch noch (wie meine Nachbarin) einen LKW-Außenspiegel und installiere ihn auf dem Balkon, damit ich von meinem Platz aus sofort erkennen kann, wenn sich verdächtige Subjekte dem Wohn-Objekt nähern.

Den Beschluss gefasst, zuerst Bilder in Rahmen hinter Glas installiert, angenagelt, vis-a-vis von meinem nennen wir es mal Arbeitsplatz. Zeitlange Recherche, um im Netz ein Bild von Peter Handke zu finden, auf dem er nicht immer-noch-stürmisch heroisch verklärt strahlt, sondern nett lächelt: ich habe sogar eins gefunden; prangt jetzt zwei Meter weg von mir einen halben Meter über Augenhöhe, obschon er mich dennoch anzulächeln scheint (danach hab ich es ja ausgesucht, dass er aus dem Bild heraus das Betrachteres anzulächeln scheint). Ich sage Euch, es hat irgendwie etwas Beruhigendes, von Handke am Arbeitsplatz angelächelt zu werden, auch wenn ich mir bewusst bin, dass er sicherlich nicht mich mit seinem Lächeln meint. Wie sollte er auch, er kennt mich ja nicht. Vermutlich würde er die Flucht ergreifen. Wir werden es nie erfahren.

Auf Augenhöhe, unmittelbar unter Handke, aktuell internal ausbedungen, Charles Bukowski, mit einem Gesichtsausdruck, den ich als Mischung aus Lächeln und Angewidertsein bezeichnen möchte, wusste er in diesem Moment vermutlich selbst nicht so genau, oder es schien ihm einfach nur die Sonne von San Pedro unfotogen ins Gesicht. Passen Sie auf sich selbst auf, wie Sie attribuieren.

Wer zuerst unter (frischgespülites, übrigens) Glas kam, wem das zweifelhafte Schicksal zuteil wurde, mit einer anderen Person verklebt zu werden: Zufall und eine Frage des Restbestands an Glas-Bilderrahmen; nicht, dass ich hier noch Beschwerden kriege von Verpappten, die gerne lieber verglast mich beäugen würden. Trost an alle Verpappten: ICH SEHE EUCH ALLE, sei’s glasig oder klebrig, das ist hier keine Hitparade, und wer heute verklebt, kann schon morgen unter Glas. Da bin ich ganz flexibel. Das wird, wie ich mich kenne, metamorphosieren, oder so. Ich weiß ja auch nicht, wo mich das Ganze noch hinführt, genauso wenig wie Ihr, die Ausgedruckten. Und: verklebt im Luftzug schwebend, präferierte ich kontra Atemlosigkeit unter Glas. Also. Ich will nix hören @ das!

Weiter im Text. Über (wertfrei, da nur lokal) Handke dann Hemingway, alter Zeitungsausschnitt aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Farbe (Hemingway ist der einzige Farbige unter den Auserwählten), Hemingway mit Stift über Papier, unter dem Bild zu lesen, hier Zitat eingerechtschreibreformt: «Für den echten Schriftsteller muss jedes Buch ein neuer Anfang sein, mit dem er wiederum etwas zu erreichen sucht, das unerreichbar ist. Er muss immer wieder etwas versuchen, was noch nie versucht worden ist, oder was Andere erfolglos versucht haben. Und manchmal, wenn er viel Glück hat, wird es ihm gelingen.» Mein ältester aufgehobener Zeitungsausschnitt. Spricht für sich. Verneig verneig.

Links neben Hemingway dann DFW mit der Angabe 1962 – 2008. Einfach nur ihn lesen. Ich sag nix weiter dazu. Oder soll ich dazu eine 100 Seiten Fußnote schreiben?

Kafka und Boris Vian kleben aneinander (auch wieder Papierbildausdrucksgrößen-adäquat) und ziehen sich nicht meine verrauchte Luft in die Lungen. Das am tiefsten hängende Bestandteil des Mobiles, weil Vian + Artikel, den man soll stehend lesen können, warum es angeblich suffit d’exister. Habe ich jugendlich mal geglaubt, heute nicht mehr. Kann man allerdings abendelang diskutieren, denke ich mal. Nur so dumm rumhocken, weil man eben da ist? Sicherlich war es nicht so gemeint; sollte doch, hat er es vermutlich selbst nicht so ernst genommen (sofern er es je sagte), denn er musizierte und schrieb ja schließlich. Aber die (Nach-)Welt nagelt einen ja gerne auf Reduzierungen fest. Lässt sich dann vermutlich besser verkaufen, der Stoff.

Bei Kafka habe ich mir erlaubt, seine Augen mit grünem Textmarker anzumalen und ihn auf dem Kopf stehend an Vian zu kleben. Ich dachte unwillkürlich etwas wie: Vielleicht findet er ja posthum so erleuchtet doch noch den Weg ins Schloss zum Atomschlüssel. Naja, habe wohl gestern zuviel Zen und spiegel-online gelesen. Lasst die toten Geister ruhen. Andererseits … who cares.

Hatten wir schon Baudelaire klebt an Rabelais? Sie schweben direkt neben (dem gläsernen, an die Wand genagelten) Handke, ein Stück weiter davor, links, und DAS ist nun wirklich per Zufall eine gelungene Verquickung von Fleurs Du Mal meets Gargantua und Pantagruel, oder? Man sollte ein Musical draus machen. HALLOOOO, REGISSEURIIII!!! Fragt sich allein, womit beginnen: mit dem Aas oder der Völlerei? Ich lasse es offen und warte auf Anfragen für ein Drehbuch. @ Ärzti: Ich denke nicht, dass Rabelais verantwortlich zu zeichnen ist für zu hohe Cholesterinspiegel und Leberwerte in unserer aktuellen Gesellschaft. Wir pissen ja auch nicht vom Eiffelturm … Und @ Leberwerte: Balzac fragen, auch wenn Jelinek in seinem Rücken dafür am wenigsten kann, im Gegenteil, Frau Jelinek ist eine Gute (Siehe Krimis, wenn die Kommissari sagen: «Wir sind die Guten.»), also in meiner Welt jedenfalls. Hm, vielleicht sollte ich Jelinek und Balzac nochmal umschichten.

Salinger ist bei mir schon zuvor verglast gewesen, interessantes Bild, links in jung, rechts in alt, fließend, vergänglich, gruselig, wahr. Ein (1) Buch, Mega-Kohle zocken und ab auf die Hühner-Farm hinter die Zäune, so mein Klischee im Zusammenhang mit Salinger. Und vor allem: alle verklagen, die böse sind. Oder war das mit der Hühner-Farm JJ Cale? Oh, Gedächtnis … will jetzt aber nicht suchmaschinen.

Paul Léautaud auch (@ zuvor schon verglast gewesen), schon drei Umzüge hat er mit mir mitgemacht, der Wackere, er genießt sogar einen Holzrahmen, mit seinem verknitterten Hut. Wer sein literarisches Tagebuch 1893 – 1956 nicht gelesen hat, der darf mir keine Zettel verpappen oder verglasen. Fakt.

In der eigentlichen Arbeit gestört hat mich mein gestörtes Gehirn. Noch nicht fertig mit dem Mobilesieren Rahmen Wand-Schmücken, schrie es nach Text. Es harrt noch Ingeborg Bachmann der Verklebung mit OH Sae-young, es wollen noch ausgedruckt werden James Joyce Samuel Beckett Bertolt Brecht Heinrich Böll Günter Bruno Fuchs Arthur Rimbaud RW Fassbinder François Villon und Taylor Swift (finde den Fehler). Hunter S. Thompson nicht mehr und G. Grass auch nicht mehr. Auch nicht mehr Henry Miller und Dostojewski. Manches schwitzt sich raus, manches bleibt im Stoffwechsel. Ich entscheide nicht.

Aber das eigentliche Projekt davor war eigentlich: Ich wollte eigentlich die Wände neu streichen (in Papaya, war im Angebot, schien mir belebend, der Farbeimer steht hier aktuell dumm rum [unangemessene Wertung]). Wurde mal wieder nix. Scheiß Literatur.

(Flann O’Brien vergessen, ausgedruckt in DIN A4, der wird gerahmt, da zu schwer für Faden)